Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis Augsburg e.V.  
     
   
 

Das KZ-Außenlager 14/5a-4 – Messerschmitt AG Augsburg auf dem Gelände Alter Flugplatz Gablingen

Gisela Mahnkopf


Bagger Vergrößern Abb 1.: Im Juni 2012 rückt der Bagger an, um den Bungalow (Gebäude 5) abzubrechen (Foto: Gisela Mahnkopf).
Im Dritten Reich überzog ein Netz von KZ-Außenlagern das Land. Konzentrationslager waren bereits ab 1933 errichtet worden, zunächst als Teil des Terrorsystems gegen politische Gegner. Erst ab 1942 wurden, von den Konzentrationslagern ausgehend und verwaltet, Außenlager als wichtiger Bestandteil der Arbeitskräftebeschaffung in der Kriegswirtschaft und Rüstungsindustrie eingerichtet.

Das KZ Dachau war mit 169 Außenkommandos der größte Lagerkomplex überhaupt. Der Begriff „Außenkommando“ galt ungeachtet der Größe für alle dem Hauptlager unterstellten Stätten, an denen Häftlinge Zwangsarbeit verrichten mussten. Solche Lager wurden zunächst als „Arbeitskommandos“ installiert und entwickelten sich bisweilen zu Lagerkomplexen von großem Ausmaß. Sie dienten der Versorgung von SS-eigenen Betrieben und Firmen der Rüstungswirtschaft mit Arbeitskräften, aber auch der Errichtung von neuen Produktionsstätten insbesondere für die nationalsozialistische Luftrüstung. Die Rüstungsproduktion war auf Blitzkrieg mit hochmodernen Waffensystemen ausgelegt. Als besonders wichtig wurde die Massenproduktion des ersten Düsenjägers der Welt, der Me 262, angesehen, dessen Entwicklung schon 1938 bei Messerschmitt in Augsburg begonnen hatte und dessen Produktion in den Messerschmitt-Flugzeugwerken Haunstetten, Pfersee und Gablingen erfolgte [1].

Bereits während des 1. Weltkrieges gab es auf dem Gelände zwischen Gablingen und Stettenhofen einen militärisch genutzten Flughafen. Ab 1942 betrieb das Haunstetter Messerschmitt-Werk eine „Reparaturwerft“ mit Baugruppen und Materiallagern dort und nutzte das Gelände als Erprobungsstelle und Ausweichflughafen.

Von Dachau aus wurde unter der Nummer 14/5a-4 ein KZ-Außenlager eingerichtet und von der SS verwaltet. Ab Januar/Februar 1944 ist zunächst eine geringe Belegung des Lagers mit Häftlingen nachweisbar. Weitere 600 Gefangene wurden nach der Bombardierung des Lagers in Haunstetten nach Gablingen gebracht, sodass dort kurzzeitig etwa 1000 Häftlinge zusammengepfercht waren. Sie trugen KZ-Kleidung und es kam auch zu Liquidierungen. Die Bombardierung am 24. April 1944 brachte das Ende des Lagers [2]. In der Nachkriegszeit wurde das Gelände unter anderem für einen landwirtschaftlicher Betrieb genutzt und die traurige Geschichte des Geländes geriet in Vergessenheit. Bis, ja bis nun, ausgerechnet hier, ein neues Gewerbegebiet entstehen sollte.

Gebäude 5 Vergrößern Abb 3.: Das freigelegte Gebäude 5 mit Kellerräumen, massiven Fundamenten und Bodenplatten aus Beton (Foto: Geomessenger).
2012 wird das Gelände, auf dem der Lagerkomplex aus gutem Grund vermutet werden muss, unter Denkmalschutz gestellt. Für die Nachkriegsbauten wird jedoch eine Abruchgenehmigung erteilt und im Juni 2012 kann mit den Abbruch- und Rodungsarbeiten begonnen werden.
Und bereits da tritt Erstaunliches zutage: Im Bungalow aus den 70-er Jahren (Gebäude 5) stecken Bauelemente der alten Lagerbaracken [3] mit Fenstern und Türpfosten, die Datumsstempel (1942) und andere Schablonenstempel (W bzw. R(?)&W) tragen!

Zusammen mit der Kreisheimatpflege und dem Arbeitskreis für Vor-und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis Augsburg e.V. [4], schließlich auch mit Unterstützung durch die Gemeinde Gablingen, wird das Gelände von beachtlichen Schuttbergen und Müllhaufen befreit. Zwei Studenten des Studiengangs Bauingenieurswesen an der Hochschule Augsburg, können für die Vermessung gewonnen werden und machen das Gablinger KZ-Außenlager zum Thema ihrer Abschlussarbeit am Lehrstuhl für Vermessungswesen: „Ein Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit in Schwaben-Die Vermessung des Außenlagers Gablingen des Konzentrationslagers Dachau“ [5].

Dabei kommt nicht nur ein Leica-Ingenieurstachymeter und das SAPOS Präzisionssystem zum Einsatz, sondern auch Schaufel und Besen, um Treppenläufe und Schächte, sowie Details wie Abläufe, Wasseranschlüsse, Aussparungen und Wandanschlüsse freilegen und detailgenau vermessen zu können. Der Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte legt in einem Sondagestreifen die Kiesfundamentierungen von 6 Wohnbaracken frei.
Fast alle auf den Luftbildern vor und nach der Bombardierung erkennbaren Gebäude können wiedergefunden werden. Kiesfundamentierungen, Betonfundamente und Bodenplatten von insgesamt 12 Wohn-/Lagerbaracken, 3 Abortbaracken, 4 Waschbaracken, 1 Torhaus und einem riesigen Löschwasserbecken werden ganz oder teilweise aufgedeckt.

Erschütternd ist die Aussage eines Zeitzeugen zu den Räumen mit tiefer gelegenen Böden und Gully in den Waschbaracken, die er sofort als Entlausungsräume identifiziert.

Bodenplatten Vergrößern Abb 5.: Die Bodenplatten der Abortbaracken, Befunde13 und 14 (Foto: Gisela Mahnkopf).
Die zwei großen Abortbaracken sind über je vier Eingangstreppen erschlossen. In den Gebäudemitten verlaufen über die gesamte Länge Abwassergruben, die in eine Klärgrube zwischen beiden Baracken münden Die ehemaligen Trennwände sind durch regelmäßige Aussparungen im Estrich nachvollziehbar.

Auch in den geborgenen Fundstücken ist der Schrecken und der Zynismus der Zeit fassbar. Es gibt Scherben von Geschirr mit dem Logo „Aufsteigender Falke“ der Fa. Messerschmitt und Porzellanbodenmarken mit Hakenkreuz und umlaufender Schrift: Modell des Amtes Schönheit der Arbeit!
Als Beispiel für Entnazifizierung nach dem Krieg mag eine Bodenmarke dienen, deren Adler mit Hakenkreuz in den Fängen und den Buchstaben FL.U.V. (Fliegerunterkunftsverwaltung) durch eine grüne Farbschablone überdeckt ist [6].

Auf dem Gelände in Gablingen liegen nun vor uns die beeindruckend gut erhaltenen, in ihrer Komplexität umso ergreifenderen und erschütternden Relikte einer hässlichen Vergangenheit, die von uns heute einen angemessenen Umgang einfordern.
Wie aber könnte das aussehen?

Im SS 2013 erarbeiteten Studenten der Hochschule Augsburg aus den Fachríchtungen Architektur und Bauwesen bei Prof. S. Gampfer und Prof. Ch. Peter Konzepte für Schutzbauten und ein kleines Dokumentationszentrum. Diese Projektarbeit wurde im Herbst 2013 vom Bezirk Schwaben mit einem Förderpreis ausgezeichnet.

Derzeit bereitet die Kreisheimatpflege Augsburg eine fächerübergreifende Ausstellung vor, die den Arbeitstitel:
„Unvergessen - Von der Rüstungsmaschinerie zum Denkort - Alter Flugplatz und KZ-Außenkommando Gablingen“ hat und Ende 2014 im Foyer des Landratsamtes gezeigt werden soll.

Quellen


[1] W. Kucera, Die Waldfabrik und das KZ Außenlager nahe dem Horgauer Bahnhof. In: G. Mahnkopf und C. Ried, „Blechschmiede“ Horgau – KZ Außenlager und Waldfabrik für die NS-Rüstungsproduktion (Augsburg 2010).

[2] Reinald Schlosser, KZ Gablingen. Das Dachauer Außenlager 14/5a-4, Messerschmitt AG Augsburg, Gablingen (Gersthofen 2012)

[3] Bauforschung (Barackenelemente) K. Schnieringer (BLfD)

[4] Örtliche Grabungsleitung und Grabungsdokumentation, Gisela Mahnkopf und Reinald Schlosser, Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis Augsburg e.V., Luftaufnahmen: Matias Rajkay und Roger Prangley, Geomessenger.

[5] Vermessung und CAD-Plan, Benjamin Bauer, Christoph Janitzky bei Prof. Dr. Reinhold Weber, Lehrstuhl für Vermessungswesen, Hochschule Augsburg

[6] Materialuntersuchung (Entnazifizierte Bodenmarke), Christian Gruber, Zentrallabor BLfD

 
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